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Fallzahlen mit islamistischem, salafistischem oder dschihadistischem Bezug steigen

Durch die von Violence Prevention Network durchgeführte Beratung von Eltern und Familien im Kontext Islamismus ist deutlich geworden, dass sich die Fälle junger Menschen, die islamistischen Radikalisierungsprozessen ausgesetzt sind bzw. sich salafistischen oder dschihadistischen Organisationen anschließen, in Deutschland häufen. Der emotionale Druck auf die Familien ist meist außerordentlich groß. Beratungsstellen in Berlin für Eltern sind daher dringend geboten. In der konkreten Beratung der Eltern zeigt sich aber auch, dass ein Beratungs- und vor allem Interventionsangebot für Radikalisierte selbst notwendig ist. So kann über Angehörige durchaus Einfluss auf radikalisierte Personen ausgeübt werden. Doch das hat seine Grenzen, etwa, wenn die psychosoziale Bedeutung der ideologisierten Gruppe bereits derart gestiegen ist, dass die Einflussnahme durch Eltern nur noch bedingt greift – oder gar kontraproduktiv wirkt.


Was bedeutet Dschihad?

  • Der Begriff Dschihad bedeutet übersetzt aus dem Arabischen: „Die aufrichtige Anstrengung auf dem Weg Gottes“ oder „Heiliger Krieg“.
  • Der Begriff Dschihad belastet das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen seit der Entstehung des Islams
  • Muslime haben ihn den Begriff „Dschihad“ in ihrer Geschichte sehr unterschiedlich gedeutet und angewendet.
  • Heute dient Dschihad islamistischen Gruppen zur Legitimation ihres weltweiten Terrors, der zu einem islamischen Staat führen soll, wobei die Fragen, wie ein islamischer Staat auszusehen habe und unter wessen Führung er stehen solle, gerade auch unter Dschihadisten hoch umstritten ist und oft zu blutigen Kämpfen untereinander führt.

RückkehrerInnen aus dschihadistischen Kampfgebieten in Syrien oder Irak

Eine Herausforderung stellt die Arbeit mit radikalisierten Personen dar, die als sog. Dschihadisten aus einem Krisengebiet nach Deutschland zurückkehren. Aufenthalte in den Hot Spots des internationalen Dschihads können wie Durchlauferhitzer der Radikalisierung wirken, wie schon das Beispiel des 2010 bei einem Feuergefecht in Waziristan ums Leben gekommenen Eric Breininger aus dem Saarland illustrierte. Breininger hatte eine „Blitzradikalisierung“ durchlaufen. Die Vertiefung der Ideologisierung, wie sie in seinen, post mortem veröffentlichten, Aufzeichnungen greifbar wird, verdankte er maßgeblich dem Aufenthalt im Trainingslager der Islamic Jihad Union (IJU). Sein Beispiel wirft ein scharfes Licht auf das Problem, das all jene für die Bundesrepublik darstellen, die sich gegenwärtig in den Camps des syrischen Dschihad aufhalten. Nicht jeder, der nach Syrien reist, endet zwangsläufig in den Armen islamistischer Kampfverbände; mancher reist auch ausdrücklich zu wohltätigen Zwecken. Und nicht jeder, der die Kampfeinsätze des militanten Dschihad überlebt, kehrt hoch radikalisiert in die Bundesrepublik zurück; mancher klopft zutiefst desillusioniert wieder an die Familientüren, andere sind tief traumatisiert, nicht selten trifft beides zu.

Misserfolge und Verrohung begünstigen Extremismus

Verrohung durch angewendete Gewalt, Ideologisierung durch Kontakte zu den Speerspitzen des internationalen Terrorismus und Islamismus bzw. Salafismus sowie die militärische Ausbildung in ihren Camps amalgamieren sich zu einem hoch explosiven Substrat auch bei solchen Personen, deren Lebensweg zuvor geprägt war von schulischen und beruflichen Misserfolgen, zerrütteten familiären Verhältnissen oder allgemein kriminellen Milieus – und es sind vor allem Personen, denen in ihrer Heimat besonders schlechte Prognosen gestellt werden, die für die islamistische Versuchung besonders empfänglich zu sein scheinen.

Keine einheitlichen Radikalisierungsverläufe

Eine Auswertung verschiedener Radikalisierungsverläufe ergibt kein einheitliches Bild. Das Alter variiert zwischen 14 und 34 Jahren, die Schulleistungen sind unterschiedlich, ein Großteil der Ausreisenden, die nicht mehr zur Schule gingen, lebte von Arbeitslosengeld II, hatte Aushilfsjobs oder war in Maßnahmen der Agentur für Arbeit untergebracht. Die überwiegende Mehrzahl der Ausgereisten hat einen Migrationshintergrund in dem Sinne, dass sie oder mindestens ein Elternteil im Ausland geboren sind. Viele von ihnen sind Konvertiten.

Radikalisierung nach Erfahrungen des Scheiterns

Nimmt man jedoch den Lebensweg in den Blick, dann sind dieser heterogenen Personengruppe eine Reihe von negativen Erfahrungen, Emotionen und Wertungen gemeinsam, wie auch mehrere Studien zu Biographien von Extremisten und Terroristen belegen, die ebenfalls auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Radikalisierung und vorgelagerten Erfahrungen des Scheiterns in anderen Lebensbereichen (z. B. Arbeitslosigkeit, Scheidung, Kriminalität), Gefühlen von Benachteiligung, Entfremdung und Marginalisierung in der Gesellschaft sowie der Ideologisierung und Mobilisierung meist durch eine Bezugsperson hinweisen.

Islamismus als Befreiungstheologie

Doch sind diese negativen Erfahrungswelten nicht einseitig auf die Umgebungsgesellschaft verteilt. Im Gegenteil: Islamismus und Salafismus eignen sich nicht nur als Erklärungs- und Lösungsmuster etwa für Viktimisierungswahrnehmungen in den Gesellschaften westlicher Staaten, sondern auch für Konflikte in den eigenen Familien oder Entfremdungen von den jeweiligen Herkunftscommunities. Damit ist der Islamismus gewissermaßen eine „Befreiungstheologie“, die Wertungen und Lösungen für den schwierigen Spagat anbietet, den vor allem Jugendliche der zweiten und dritten Generation zwischen den Herkunftsmilieus und der Einwanderungsgesellschaft leisten müssen.

Radikalisierung der „Restidentität“ – Islam vs. Islamismus in Deutschland

Soziale und familiäre Desintegrations- und Enttäuschungserfahrungen – einhergehend mit geringen Akzeptanzgefühlen in der Mehrheitsgesellschaft und problematischen Gruppendynamiken – führen oft zu einer erschwerten Identitätsbildung bei Jugendlichen. Bei Fehlen einer eigenständigen Identität besteht die Gefahr der „Radikalisierung von Restidentitäten“. Dies kann dazu führen, dass junge Menschen sich islamistische oder salafistische (aber auch rechtsextremistische) Einstellungen zu eigen machen, sich bei ihnen demokratiedistanzierte und gewaltaffine Einstellungen entwickeln und sie einem „misslungenen Selbstheilungsprozess“, d.h. der Verfestigung ihrer Gewalt- und Radikalisierungskarriere, unterliegen. Um diese „Radikalisierung von Restidentität“ zu verhindern, ist es umso wichtiger, Geschichte und Lebenswelten der Jugendlichen nicht nur im Kontext ihres abweichenden Verhaltens und ihrer Misshandlungs- und Demütigungserfahrungen zu thematisieren, sondern auch hinsichtlich vorhandener Kompetenzen und Ressourcen.

Einfachste Erklärungen durch ideologische Narrative – Utopie vs. Wirklichkeit

Ist der Sog in den Islamismus bzw. Salafismus erst erfolgt, können junge Männer und (seltener) Frauen der gesellschaftlichen Wirklichkeit die Utopie von einer vollkommenen und gerechten Gesellschaft entgegenhalten. Nicht zuletzt aufgrund eines Erziehungsstiles, der sie nicht immer in dem notwendigen Maße auf die Anforderungen in der Gesellschaft vorbereitet, fehlt ihnen soziale Wirksamkeit. Sie erleben die Gesellschaft als kalt, ungerecht und erbarmungslos. Sie sind nicht oder nur schwer in der Lage, etwas auszurichten, sich in ihrem Leben einzurichten. Sie fühlen sich als Opfer des Systems. Verschärft wird diese Interpretation ihrer Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten durch ideologische Narrative, die einfachste Erklärungen liefern, das Ich der subjektiven Erfahrungen in das Wir kollektiver Erfahrungen anverwandeln und schließlich scheinbar evidente Lösungen anbieten.

Was bedeutet Salafismus?

  • Der heutige Salafismus entstand vor etwa 100 Jahren als neue Denkrichtung des sunnitischen Islam.
  • Für den Gründer der Wahhabiyya, Muhammad ibn Abdalwahhab (gest. 1792) galt die Idee einer muslimischen Urgemeinde des 7. Jahrhunderts als Vorbild für die Erneuerung des Islams.
  • Salafistische Bewegungen hat es häufiger in der Geschichte des Islams gegeben.
  • Ein Merkmal ist die scharfe Trennung zwischen Gläubigen und Ungläubigen.
  • Deutsche, die den sog. „Islamischen Staat“ unterstützen, haben zumeist Kontakt zu salafistischen Gemeinden.

Fußnoten
1. Siehe Bakker (2006) zu „Jihadi terrorists in Europe“, Gambetta & Hertog (2007) zu „Engineers of Jihad“ und Lützinger (2010)